Ich bin fasziniert von Menschen, die auf die Straße gehen für den abstrakten Begriff der Freiheit. Menschen, die etwas zu verlieren haben, und bereit sind, es zu riskieren. Viele solche Menschen habe ich im Sommer 2019 in Hongkong kennengelernt. Die Bürger dort können nicht gewinnen gegen den chinesischen Staat. Sie kämpfen trotzdem. Wahrscheinlich, weil Freiheit für sie nichts Abstraktes mehr ist. Und weil sie, würden sie nicht kämpfen, nicht mehr sie selbst wären. Über eine Stadt, die sich nicht aufgibt.

Seit ich über die Türkei berichte, hat sich in dem Land alles um Recep Tayyip Erdogan gedreht. Seine Gegner waren bloß Antagonisten. Im Juni 2019 schrieb ich die erste Geschichte, in der Erdogan nicht mehr die Hauptrolle spielte. Der neue Bürgermeister von Istanbul, Ekrem Imamoglu, hatte sie übernommen. Ich begleitete ihn im Wahlkampf und erlebte einen Mann, der es schaffen könnte: eine Türkei, deren Präsident nicht Erdogan heißt. Sein Portrait.

Das Verbrechen, um das es in dieser Geschichte ging, lag fünf Jahre zurück: ein Massaker, bei dem der IS über 1900 irakische Soldaten tötete. Warum mussten sie sterben? Und wie kann man so eine Tat verzeihen? Zusammen mit Marta Bellingreri reiste ich im Frühjahr 2019 nach Bagdad, Trikrit und Nadschaf. Wir trafen einen jungen schiitischen Mann, der das Massaker überlebte. Und eine ältere sunnitische Frau, die damals mehrere Soldaten rettete. Ein Text über eine von der Gewalt geprägte Gesellschaft. Und Menschen, die es besser machen wollen.

In Aleppo lebt ein Junge, dessen Gesicht die Welt kennt. Und der sich gern vor ihr verstecken würde. Omrans Gesicht erzählte der Menschheit davon, was die Bomben des Assad-Regimes mit Aleppo machten. Später versuchte das Regime, Omran für sich zu nutzen. Sein Vater will nur eins: keine Schwierigkeiten. Eine Suche nach Wahrheit mitten im Propagandakrieg.

Am 16. August 2017 fiel eine Bombe auf ein Wohnhaus in Raqqa, abgeworfen von der Anti-IS-Koalition, den Befreiern, konkret sehr wahrscheinlich von einer amerikanischen Drohne. Ahmed Abdullah sah die Explosion, als er vom Brot holen zurück nach Hause ging. Dann sah er nichts mehr. Die Bombe hatte sein Haus getroffen, überall war nur Staub. Seine ganze Familie war tot. Ein Dreivierteljahr später traf ich Abdullah in Raqqa, wir saßen in seinem Wohnzimmer unter freiem Himmel. Und Abdullah erzählte.

Im Frühjahr 2018 war Raqqa frei. Es war auch: zerstört, zu über 80 Prozent. Damit hat es die Stadt schlimmer getroffen als Aleppo oder Homs. Und Raqqa war schon jetzt: vergessen. Kaum noch Journalisten kamen hierher, kaum Hilfe kam an. Wir gingen durch die verlassenen Straßen, in denen es nach den Leichen roch, die noch unter den zerbombten Häusern lagen. Wir sahen Menschen mit ihren Händen die Trümmer wegschaffen. Und wir trafen einen Mann, der die Verantwortung für diese Stadt übernommen hat: Ahmed Ibrahim, 28, Bürgermeister von Raqqa.

Im September 2017 reiste ich nach Bangladesch, wo in diesen Wochen Hunderttausende Flüchtlinge ankamen. Es waren Muslime aus dem Nachbarland Burma, die Rohingya. In Bangladesch hatte niemand auf sie gewartet. Wir fuhren zu den Stränden, wo die Boote ankamen, und in die Zeltlager, die sich die Flüchtlinge selbst bauten. Am letzten Tag stießen wir an der Straße auf ein junges Paar. Der Mann hielt ihr Baby auf dem Arm, es war gerade gestorben. Dies ist ihre Geschichte.

Nie habe ich so viel Zerstörung gesehen wie in Aleppo. Es war Sommer 2017, der Krieg war vorbei, das Assad-Regime hatte die letzten Rebellen besiegt. Die Menschen wollten wieder leben. Abends weggehen, Freunde treffen. Sie lebten meistens ohne Strom und Wasser, aber sie wollten an eine Zukunft glauben, und sei es unter Assad. Es ist die Geschichte einer Stadt, die sich selbst Normalität vorspielt, um nicht zu verzweifeln.

Im Juni 2017 eroberte die kurdische YPG-Miliz die ersten Viertel von Raqqa, der IS-Hochburg in Syrien. Raqqa stand die letzten Jahre über für die surrealen Grausamkeiten des IS. Die Terroristen planten von hier aus ihre Anschläge. Dabei war es Raqqa, das 2013 als erste Großstadt das Assad-Regime vertrieben und sich für die Revolution entschieden hatte. Die Menschen dort haben alle Phasen des syrischen Krieges mitgemacht, ihr Schicksal erzählt davon, was mit Syrien geschehen ist. Ganz besonders jenes der Familie von Abu Ahmad.

Im April 2017 bin ich in den Irak gereist, es waren die letzten Wochen der Schlacht um Mossul. Im Westen der Stadt waren ganze Straßenzüge zerstört. Zufällig trafen wir hier auf eine Frau, die uns unbedingt ihre Geschichte erzählen wollte. Das war Samira. Eine Lehrerin, deren Tochter einen IS-Mann heiraten sollte - um das zu verhindern, musste sie dem IS einen ihrer Söhne geben. Samira rettete ihre Tochter, ihren Sohn sah sie nie mehr wieder. Für mich verkörperte diese Frau den ganzen Stolz und die Tragik dieser Stadt.

Im Oktober 2016 begann die irakische Armee mit der Offensive auf Mossul, sie suchte die Entscheidung im Kampf gegen den IS. Einer der Soldaten war Said, der sich auf seinem Handy immer wieder ein Video ansah. Es war ein IS-Propagandavideo, es zeigte die Hinrichtungen mehrerer Männer, alle Verwandte von Said. Er nahm an diesem Krieg teil, weil er den IS hasste, und weil er in Mossul Rache an den Tätern nehmen wollte. Im Gespräch mit ihm habe ich verstanden, warum der Irak noch lange keinen Frieden finden wird.

In den Wochen nach dem Putschversuch war die Türkei im Ausnahmezustand. Eine Gesellschaft, schien es, gab sich dem Fanatismus hin. Erdogan war auf dem Höhepunkt seiner Beliebtheit. Seine Anhänger glaubten ihm blind. Jeden Abend versammelten sie sich zu „Demokratiewachen“, wie sie sagten. Ich schrieb eine Reportage über ein Istanbuler Viertel, das von der Putschnacht besonders betroffen war. Das Psychogramm einer Gesellschaft im Wahn.

Am Abend kreisten Armeehubschrauber ohne Licht über unserem Viertel. Ich war Korrespondent in Istanbul, es war Freitagnacht, wir saßen mit Freunden auf unserem Dach. Die Nachricht, es handele sich um einen Putsch, wollten wir erst nicht glauben. Ich machte mich auf den Weg zum Taksim-Platz. Sah, wie schließlich Polizisten die zwei Dutzend Soldaten dort verhafteten. Das Wochenende über sprach ich mit Menschen, die den Putschversuch an verschiedenen Orten erlebt hatten, und schrieb darüber am Sonntag diesen Text: eine frühe Rekonstruktion der Ereignisse.

Nach der ersten Parlamentswahl 2015 begannen die Kämpfe in den Kurdengebieten der Türkei. Der Präsident wollte diesen Krieg, er nützte ihm. Im Winter kämpfte die Armee mitten in den Städten gegen kurdische Jugendliche, die sich als urbane Guerilla verstanden. Sie verschanzten sich zum Beispiel in der Altstadt von Diyarbakir. Meine Reportage über Teenager, die nur im Tod ihre Bedeutung finden.

Im Sommer 2014 reiste ich nach Indien, in ein Dorf im Bundesstaat Uttar Pradesh. Ein Bild aus dem Dorf war um die Welt gegangen, darauf zwei erhängte Mädchen an einem Baum. Die Mädchen waren vor ihrem Tod offenbar vergewaltigt worden. Ein halbes Jahr später besuchte ich das Dorf noch mal, die Journalisten waren abgereist, der Fall der Mädchen noch immer nicht juristisch geklärt. Mein Text beschreibt eine Gesellschaft, in der das Mittelalter noch nicht vorbei ist.

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